42 Kilometer von Abendrot bis Morgengrauen   zurück zur Startseite
 
Erlebnisbericht einer nächtlichen Wandertour
(AH) Clubix-Touren haben immer die gleichen Merkmale: kurzfristig geplant (drei oder vier Tage vorher), eine Marschzeit von mindestens acht Stunden und die Route geht meistens von irgendwo nach Waldgirmes. Die Strecke ist in der Regel so lang, dass man es gerade so schaffen kann und sich mit letzer Kraft in die Badewanne schleppt. Die anschliessenden 24 Stunden versucht man so wenig wie möglich auf den Füßen zu stehen. So war es auch diesmal. Stephan S., Michael W. und Axel H. dachten sich daß es wieder mal Zeit für eine Tour wäre. Damit die Sache  etwas interessanter wird, sollte die Aktion nachts stattfinden. Der Anlass hierfür war wohl ein Artikel in einer Sportzeitung, in dem ein einen Österreicher eine Methode vorstellte mit der man auch im Dunklen noch gut sehen können sollte (20 cm vor den Augen muss eine fluoreszierende Kugel aufgehägt werden oder so, hat sich irgendwie esotherisch angehört). Als Strecke wurde die "Mornshausen-Tour" ausgewählt. (Achtung: Mornshausen/Dautphe und nicht Mornshausen-Gladenbach). Diese wurde von denselben Teilnehmern schonmal vor Jahren bei Tageslicht gelaufen. 
Vorschusslorbeeren
Eigentlich muss man sich ein üppiges Essen verdienen. Zum Beispiel indem  man erst eine anstrengende Tour hinter sich bringt und dann den Grill anwirft. Diesmal war es aber umgekehrt, am Treffpunkt bei Stephan S. gab es erstmal ein dekadentes Essen mit Würstchen, Steaks, Baguette, Salaten und Bier. Eine harte Prüfung, der gesamte Erfolg der Tour stand auf dem Spiel. Glücklicherweise siegte letztendlich der Verstand über den Körper und nach dem Festmahl rafften sich die Teilnehmer auf und packten ihre Sachen. 
Anfahrt zum Start
Start
Start bei Mornshausen
Irgendwie muss man zum Start kommen. In den vorherigen Clubix-Touren hat in der Regel ein Angehöriger die Rolle des Chauffeurs übernommen und die Wandertruppe am Start abgesetzt. Diesmal wollte das aber niemand machen und so fuhr das Trio ohne Chauffeur los. Die Fahrt ging über Rodheim, Fellingshausen, Frankenbach, Gladenbach, Runzhausen nach Mornshausen. Inzwischen war es schon nach neun Uhr und die Sonne war schon am Untergehen. 
In Mornshausen blieb das Auto an einer unauffälligen Stelle am Ortsrand stehen. Der Marsch konnte beginnen. 
Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt

In der Abenddämmerung ging es locker durch den sympathischen Ort Mornshausen. Gleich auf den ersten Metern musste ein Bach und ein Zaun überquert werden. Es deutete sich ein ereignisreicher Marsch an. Mornshausen zeichnet sich durch ein völliges Fehlen eines Nachtlebens aus, und so konnte man ungestört die ersten Kilometer zurücklegen. Hinter dem Ortsrand musste schon bald navigiert werden. Es stellte sich heraus, dass zwei Gegenstände - die mehr oder weniger zufällig mitgenommen wurden - eine lebenswichtige Rolle spielten: Kompass und Taschenlampe. Ohne Lampe hätte man auch gleich die Landkarte wegwerfen können und ohne Kompass hätte man nie die grobe Marschrichtung gefunden. Ohne diese Gegenstände wäre der Marsch zu einem Desaster geworden. 

Licht aus

Eine knappe Stunde konnte man noch bei etwas Licht marschieren. Es ging durch Felder und Wiesen nach Süden. Im Norden leuchtete der Funkturm auf der Sackpfeife. Dann der erste Zwischenfall: zuerst hörte man ein Rufen in einiger Entfernung, und dann rasten einige unbeleuchtete Mountainbiker vorbei. Es war schon recht dunkel, deshalb konnte man die schwarzen Umrisse der Biker erst sehr spät erkennen. Über einen Bergrücken ging es Richtung Holzhausen und dann quer durch eine Ferienhaus-Siedlung. Als zum ersten Mal der Weg durch einen dichten Wald führte, verschwand auch der letzte Rest Tageslicht. Es wurde klar, dass die Nacht sehr dunkel werden würde, denn der Mond war nur eine dünne Sichel und einige Wolken machten es dem spärlichen Mondlicht noch schwerer. So kam es auch gleich zum ersten (und auch einzigen) Orientierungsverlust: Weil man im dichten Fichtenwald die Hand nicht mehr vor den Augen sehen konnte, liefen wir an einer sehr wichtigen Abzweigung vorbei und bemerkten den Fehler erst nach einem knappen Kilometer. Also kehrt Marsch und nochmal nach dem Weg suchen. Weil dieser nur ein schmaler Holzfällerweg war, mussten die Taschenlampen wieder gute Dienste leisten. 

Abenteuer, Abenteuer

Die anfänglichen Orientierungsprobleme warfen uns im Zeitplan weit zurück, und ein ungutes Gefühl machte sich breit. Hatten wir uns möglicherweise überschätzt? Wenn das so weitergehen würde, könnte man die geplante Marschzeit fast verdoppeln. Doch dann ging es eine ganze Weile zügig in die richtige Richtung und der Zeitplan war wieder in Ordnung. Ein lässiger Blick auf einen Wegweiser sollte das bestätigen, doch mit Entsetzen las A.H. "Dernbach 39km", bis die anderen den Irrtum aufklärten und auf den Dezimalpunkt zwischen der 3 und er 9 hinwiesen. Über einen Höhenzug nahe Bottenhorn ging es nach Süden. Ab und zu hatte man einen guten Blick auf den prächtig beleuchteten Funkturm der Angelburg. Wenn der Wald dicht und dunkel war, half ein kurzes Einschalten der Taschenlampen um wieder auf Kurs zu kommen. Bei einer solchen Gelegenheit glühte auch mal ein Augenpaar im Lichtkegel auf, verschwand wieder und erschien wieder ein paar Meter weiter. Zum Glück entfernte sich das Wesen, vielleicht war es ja ein gefährliches Monster oder so. Schließlich hatten wir kurz vorher über den kopflosen Holzfäller geredet, der hier nachts mit seiner blutigen Motorsäge sein Unwesen treiben soll.

Rast im Steinbruch

Bevor man in einem Steinbruch rasten kann, muss man ihn erstmal finden. Und das ist in finsterer Nacht gar nicht so einfach. Nach zwei Versuchen fanden wir den zugewachsenen, kleinen Steinbruch in der Nähe von Dernbach. Eigentlich war hier eine Grillpause geplant, doch das hätte wieder den Zeitplan gefährdet und so blieb es bei Weizenbier und Cigarillos. Im Unterholz raschelte irgendwelches Viehzeugs, ansonsten konnte man hier eine absolute Stille geniessen.

Seh´ nix, macht nix

Es ist schon erstaunlich wie ein Mensch sich an wechselnde Umstände anpassen kann. Zum Beispiel lernt man, dass es einfacher ist dem Weg zu folgen wenn man nach oben schaut und nicht nach unten. Oben kann man nämlich den Verlauf des Weges am Rand der Baumwipfel erkennen, während der Boden in einem diffusen Grau verschwindet. Eine andere Methode entwickelte M.W., der meistens einige Schritte hinterher lief. Er orientierte sich akustisch nach den Geräuschen der Leute vor ihm. Wenn jemand vom Weg abkam, veränderten sich die Schrittgeräusche vom Knirschen des Schotters zum Rascheln von Blättern. Kam man noch mehr vom Weg ab, gesellte sich der eine oder andere Fluch dazu. Gerade in der tiefsten und dunkelsten Nacht kam der schwierigste Teil des Weges. Ein Wald ohne richtige Wege musste durchquert werden. Es gab nur gewundene Fusspfade, Schneisen oder Wildpfade. Hier war der Kompass so wichtig wie noch nie. Bei jeder Abzweigung wurde der Weg gewählt, der am besten in die richtige Richtung führte. Das Ergebnis war optimal, auch am Tag hätte man den Abschnitt nicht besser durchqueren können.

Wommelshausen
Wommelshausen
Wommelshausen
Nachdem es bis jetzt nur durch Wald, Feld und Flur ging, musste nun wieder ein Stück Zivilisation durchquert werden: Wommelshausen. Doch vorher gab es noch eine Überraschung: Als wieder mal die Lampe eingeschaltet wurde um den kurvigen Weg zu folgen tauchte im Lichtkegel ein sprudelnder Brunnen auf. Eine gute Gelegenheit die knappen Getränkevorräte wieder aufzufüllen. Das war auch nötig weil man wegen der recht warmen Luft ab und zu ins Schwitzen kam. Hinter dem Brunnen ging der Weg hinab ins Salzbödetal und nach Wommelshausen. Die Strassenbeleuchtung war noch an, und so konnte man die Sehenswürdigkeiten des Ortes in voller Pracht bestaunen: Es gab keine. Moment: eine alte gemauerte Eisenbahnbrücke könnte man als Sehenswürdigkeit bezeichnen. 
Rumms, Aua

Hinter Wommelshausen gab es den längsten, höchsten und steilsten Anstieg der Strecke: Die Bad Endbacher Platte. Um die müden Füsse darauf vorzubereiten, wollten wir ein Kneippbecken besuchen was irgendwo hinter dem Ortsrand war. Ein zugewachsener Weg führte dorthin, und auf halben Weg hörte man ein lautes Scheppern und eine Reihe von nicht zitierbaren Flüchen. S.S. war über eine rostige Metallschiene gestolpert, die im Gras lag. Zum Glück gab es keine grösseren Verletzungen. Als Krönung war das Becken leer, und der ganze Abstecher war umsonst. Also ging es ohne erfrischte Füsse den Berg hoch. Und der zieht sich elend lang hin. Dann gab es wieder mal eine Stelle wo die Karte nicht mit der Realität übereinstimmte. Man wählte einen Weg in der Hoffnung dass es der Richtige sein könnte, und zum Glück drehte der sich in die korrekte Richtung und führte uns zur B255, die wir auf der Passhöhe querten.

Ein Ende als Schweinefutter?
Oberweidbach
Wildsauüberfall 
bei Oberweidbach
Wildsau
Wildsau (lat. Sus Scrofa)
Wir gingen parallel zu der kurvigen Landstrasse oberhalb von Oberweidbach durch den Wald, als plötzlich das Ende von der Tour und uns selbst gekommen war. So sah es jedenfalls für einen Augenblick aus. Während der ganzen Tour hat es irgendwo geraschelt und geknistert. Kleineres und grösseres Viehzeug ist immer irgendwo unterwegs. Aber diesmal war das Rascheln lauter und kam immer näher. Und näher. Und näher. Und wurde lauter. Und lauter. Und dann war es verdammt nah. Und es machte "Quiek!". A.H. und S.S. nahmen die Beine in die Hand und suchten das Weite. Nur M.W. blieb ungerührt stehen als wollte er sagen: "Einen Kollegen von Dir habe ich zuhause in der Kühltruhe liegen. Und Platz für Dich ist da auch noch! Also komm her! Ich mach Dich platt!". Die Wildsau zog den Schwanz ein und ging wieder weg. Puh, ein netter Adrenalinschub nachts um drei.
Licht an

Auf dem Weg nach Wilsbach wurde es wieder hell. Zuerst ganz zäh und langsam, dann ging es recht fix und es war plötzlich taghell, obwohl die Sonne noch nicht zu sehen war. Als wir Wilsbach durchquerten, war aber noch kein Mensch zu sehen. Nur ein einsames Taxi fuhr vorbei. Auf der unbelebten Landstrasse gingen wir an der "Eisernen Hand" vorbei und dann an der Grillhütte an Erda vorbei. Hier war wohl irgendwas losgewesen, weil einige Autos durch die Gegend fuhren.

Keine Schmerzen

Jetzt wo wir schon nahe der Heimat waren, wurde es ziemlich bitter. Die Kräfte schwanden und die Füsse machten langsam schlapp. Aber jetzt aufgeben? NIEMALS! Also ging es etwas langsamer aber entschlossen weiter. Eine letzte Rast wurde oberhalb des Dünsbachtals bei Frankenbach gemacht. Hier hatte man einen kitschigen Blick auf den Dünsberg. Durch das Dünsbachtal ging es weiter. Die wunden Füsse machten jeden Schritt zur Qual, und man nahm sich Rocky zum Vorbild, der Erfinder der Philosophie "Keine Schmerzen! Keine Schmerzen!". Über den Pass bei den Königsberger Ferienhäusern ging es direkt in das Schwarzbachtal. Dieses Tal ist berühmt und berüchtigt, weil es sich ewig hinziehen kann, besonders am Ende einer Tour wie dieser oder mit einem Kärrnchen (aber das ist eine andere Geschichte). Und so zog sich der letzte Teil der Tour qualvoll in die Länge. Schliesslich tauchte der Ortsrand von Waldgirmes auf, und mit letzter Kraft schleppte man sich nach Hause. Zum Glück war immer noch niemand unterwegs und hat sich über diesen elenden Anblick gewundert.

Epilog

So ganz war die Tour noch nicht vorbei, denn das Auto von S.S. stand noch in Mornshausen. Aber erstmal war Fusspflege und Ausruhen angesagt. Kurz vor Mittag fuhren dann A.H. und S.S. ganz lässig im offenen Roadster wieder hoch nach Mornshausen und S.S. konnte seinen Wagen wieder abholen. Bei dieser Gelegenheit konnte man am Tacho ablesen dass die Strecke 42 km betrug. Nicht schlecht was?

 

Zum Schluß noch ein paar Daten und der Abspann:

Start am Samstag 26.5.01 in Mornshausen(Dautphetal)  22:00 Uhr

Ankunft Sonntag 27.5. in Waldgirmes   8:00Uhr

Streckenlänge 42km
 

Stärkung, Bewirtung, moralischer Aufbau, Salat (alles vorher):                                       Jutta Schmidt

Idee, Planung, Führung:                                                                                                             Axel Hengst

Sehen bei nacht, Finden des Weges, Grill, Fotos:                                                                 Stefan Schiek

Dumme Sprüche, Ansagen der Himmelsrichtung, Biervertilgung, Schweinetreiber:    Michael Willig

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